Wenige Ortszentren des Bregenzerwaldes weisen eine ähnlich hohe urbane Qualität wie Bezau auf. Ein dichtes Gefüge stattlicher Gebäude und eine hohe Lebendigkeit prägen den öffentlichen Raum. Direkt gegenüber der Kirche findet das neue Lernhaus seinen Platz im dörflichen Ensemble. Der Standort war nicht unumstritten - das bestehende Gemeindehaus musste weichen, ein Neubau auf der grünen Wiese wäre einfacher gewesen. Ausschlaggebend waren letztlich andere Werte: keine zusätzliche Versiegelung und der Wunsch, die Kinder im Zentrum des Dorflebens zu verankern. Als Antwort auf die begrenzten Platzreserven entwickelt sich das neue Gebäude punktförmig über vier Geschosse mit Dach in die Höhe. Die Traufe des Kirchenschiffs bestimmt seine Höhe, der kompakte Fußabdruck maximiert den Freiraum.

Die innere räumliche Konzeption versteht sich als unmittelbarer Ausdruck des pädagogischen Konzepts: offen, flexibel, ganzheitlich und integrativ. Das Erdgeschoss verbindet sich mit dem umliegenden öffentlichen Raum. In direkter Beziehung zum Dorfleben sind hier die gemeinschaftlich genutzten Bereiche wie Ganztagesbetreuung, Bibliothek, Verwaltung und die zentrale Aula als Herz des Hauses angeordnet. Die Lernlandschaften von Kindergarten und Volksschule in den Obergeschossen folgen derselben räumlichen Grundidee und stärken so das gemeinsame, altersdurchmischte Lernen der Vier- bis Zehnjährigen. Ihre flexible Struktur ermöglicht vielfältige Formen zeitgemäßer Pädagogik. Blickbeziehungen, Transparenz und eine offene Möblierung fördern die eigenständige Aneignung von Wissen und unterstützen die Kinder in ihrer selbstbestimmten Entwicklung.

Die architektonische Gestalt des neuen Bildungshauses knüpft an vertrautem baukulturellem Vokabular an: ruhende Basis, hölzerner Aufbau und bergendes Dach. Unter- und Erdgeschoss sowie die aussteifenden Treppenkerne in Massivbauweise bilden den robusten Unterbau für die flexible Holzskelettkonstruktion der Obergeschosse. Das konsequent durchgebildete Holztragwerk mit kräftigen Stützen, weit spannenden Trägern und vorgehängten, gedämmten Holzelementen ermöglicht offene und vielseitig nutzbare Lernlandschaften. Nach außen tritt das Lernhaus mit einer klaren Ordnung aus gerahmten Öffnungen und fein texturierten Holzfassaden in Erscheinung. Sorgfältig abgestufte Vor- und Rücksprünge verleihen dem Gebäude Maßstäblichkeit und Tiefe, während sie zugleich den konstruktiven Witterungsschutz und damit die Dauerhaftigkeit von Hülle und Tragwerk gewährleisten.

Die Vorbilder liegen nahe, ihre Interpretation bleibt zeitgemäß.

Text: IMA